Der Bundesphilosoph

Jürgen Habermas – seit Jahrzehnten ist er Stichwortgeber der Republik. Und der Theoretiker der rot-grünen Regierung.
Von Norbert Bolz
03.05.2003 00:00 Uhr

http://www.tagesspiegel.de/kultur/der-bundesphilosoph/411320.html

Es gibt zwei Kriterien, an denen deutsche Linksintellektuelle überprüfen können, ob sie ihr Karriereziel erreicht haben: Dürfen sie den Kanzler „Gerd“ nennen? Und: Werden sie von Jürgen Habermas ernst genommen? Das erste ist wohl leichter zu erreichen als das zweite. Wer, sei’s apologetisch, sei’s kritisch, über Jürgen Habermas schreibt, sollte an die Warnung denken, die Karl Markus Michel so schön formuliert hat: Dieser Mann ist so groß, dass die meisten bei dem Versuch, ihm auf die Schulter zu klopfen, nur die Waden treffen. Das gilt erst recht für Ohrfeigen. Axel Honneth hat mir in einer Radiodiskussion einmal vorgehalten, wer zu Habermasens Theorie nichts Systematisches beizutragen habe, schließe sich selbst von der philosophischen Diskussion aus.

Beide Warnungen sind berechtigt. Man könnte es vielleicht ertragen, durch Selbstausschluss von der philosophischen Diskussion in Deutschland abgeschnitten zu sein. Doch wer möchte schon als Zwerg erscheinen, der einen Riesen irritieren will? Es wäre also lächerlich, die Größe von Jürgen Habermas zu bezweifeln; aber es macht durchaus Sinn, nach der Art dieser Größe fragen. Es gibt nämlich auch sterile Riesen – und auf deren Schultern sollte man nicht steigen.

Habermas gilt als Nachfolger von Adorno, genauer: als kritischer Erneuerer der Kritischen Theorie. Nach Adornos Tod gab es nur die Alternative zwischen Paradigmenwechsel und Theoriesanierung. Für das neue Paradigma steht Luhmanns Systemtheorie, für die sanierte Kritische Theorie steht Habermasens Projekt der Moderne.

Die Kritische Theorie verliert hier ihren desparaten Grundton, indem von Negation auf Kommunikation umgeschaltet wird. So ist seither, um ein signifikantes Beispiel zu geben, nicht mehr von „falschem Bewusstsein“ die Rede, sondern – in stellengenauer Ersetzung – von „verzerrter Kommunikation“. Damit hat Habermas die Kritische Theorie aus der Sackgasse des Negativismus herausgeführt – und die Linke auch für die politische Machtübernahme präpariert.

Adorno wurde für die Salonmarxisten der Studentenbewegung ein Held wider Willen. Der legendäre Studentenführer Krahl las noch aus der subtilsten Iphigenie-Interpretation den Aufruf zur Weltrevolution heraus. Adorno floh vor den Ungeistern, die Fans in seinem Namen riefen, nach Zermatt. Bei Habermas war so ein herzliches Missverständnis unmöglich.

Von Anfang an hielt er sozialdemokratische Distanz zum Aktionismus der Studentenbewegung – sein berühmter Verdacht des „Linksfaschismus“ ist bis heute ein Menetekel ihrer Selbsthistorisierung. Und gerade deshalb konnte er zum Führer aus der Revolte werden. Der Marsch durch die Institutionen hat, wie wir heute wissen, bis an ihre Spitze geführt. Mit anderen Worten: Der Weg von Adorno zu Habermas ist der Weg von den Studentenprotesten auf die Regierungsbank.

Rot-grüne Sonntagsreden

Beim Begriff des Philosophenkönigs denkt man traditionell an die Forderung des Sokrates, Philosophie und Staatsmacht sollten konvergieren. Niemand wird das heute noch erhoffen, geschweige denn erwarten. Etwas niedriger gehängt, passt der Begriff aber sehr gut auf Jürgen Habermas. Natürlich übt er keine politische Macht aus, aber er ist doch der wichtigste Stichwortgeber für rot-grüne Sonntagsreden. Die Attraktivität seiner Theorie dürfte ganz wesentlich darin begründet sein, dass sie nicht nur beschreiben, sondern normativ sein will. Und diese Normativität gewinnt sie durch Anleihen bei der Politik.

Unstrittig ist: Wie wir Probleme wahrnehmen, ist eine politische Frage – und genau hier setzt Habermas an. So wie die Erfahrung der Komplexität Luhmann zum Konservativismus anhält, so verbindet die Erwartung der Normativität Habermas mit dem Sozialismus. Nun ist eine sozialistische Wahrnehmung der Probleme unproblematisch, solange man in der Opposition ist.

Doch was tun, wenn man an die Macht kommt? Hier hilft nur Habermas’sche Dialektik weiter. Sie ist heute konkret die Kunst, als Regierung zugleich Opposition, das heißt als Gesellschaftskritiker zugleich an der Macht zu sein. Die Grünen beherrschen das natürlich sehr viel besser als die Sozialdemokraten.

Was viele Anhänger von Jürgen Habermas an seinem großen Gegenspieler Niklas Luhmann geärgert hat, ist, dass dieser es scheinbar bei einer Beschreibung der modernen Gesellschaft beließ, statt sie zu ermahnen und zu kritisieren. Das ganze Leben lang von der Gesellschaft lernen – das soll Soziologie sein?

Ganz anders Habermas. Er will die Gesellschaft belehren, statt von ihr zu lernen. Dem entspricht ein Bild von Geschichte als Lernprozess, in dem sich Habermas als ein Lehrer versteht, der „Fehlleitungen“ korrigiert. Dafür gibt es ein für uns unüberbietbares Paradigma: die Reeducation, das Besatzungsregime in den Köpfen.

Nur vor diesem Hintergrund gewinnt das unvollendete Projekt der Moderne seine politischen Kontur: Es geht um die Aufhebung der Kritischen Theorie in philosophische Reeducation. Alle Vorträge und Aufsätze von Jürgen Habermas sind Nachhilfestunden in wahrer Moderne. Erkauft wird dieses Pensum durch ein Tabu gegenüber spezifisch deutsche Traditionen. Eine Art nachholender Antifaschismus soll eine neue deutsche Identität aus Nachträglichkeit stiften.

Aus der Größe dieser Mission erwächst nicht nur eine tiefe Ungerechtigkeit gegenüber allen „Fehlgeleiteten“, sondern auch eine auftrumpfende Selbstgerechtigkeit der Projektleitung. Obwohl man von ihm unendlich viel lernen kann, ist der Lehrer Habermas selbst nicht lernbereit – und erspart damit der Linken schmerzhafte Lernprozesse: Das Scheitern des Sozialismus ändert nichts am „unaufgebbaren Projekt“.

Wenn man nach der Art der Größe dieses Geistesriesen fragt, muss man sich daran erinnern, dass die nach 1945 vakante Stelle der publizistischen Autorität lange Zeit unbesetzt blieb. Zunächst hat sie Augstein im journalistischen Bereich erobert – und dann eben Habermas im akademischen. Publizistische Autorität hat, wer nicht nur Themen setzt, sondern ganze Diskurse bestimmt.

Dazu genügt es aber nicht, ein überzeugendes Theoriedesign anzubieten. Viel wichtiger ist es noch, zu kontrollieren und zu klassifizieren, was andere vorbringen. Indem er Labels wie „jungkonservativ“ oder „neokonservativ“ verteilt, erweist sich der Philosoph als gate keeper. Das hat Effekte, die, wie man seit den soziologischen Forschungen des so genannten Labeling Approach weiß, alles andere als harmlos sind. Am publizistischen Schicksal des Historikers Ernst Nolte kann man sehen, was einem droht, wenn man in die Schusslinie von Habermas gerät.

Habermas hat, was bei Denkern eher selten ist, einen hoch entwickelten Sinn für Institutionen. Er schreibt nicht nur Bücher, sondern achtet auch auf die Linie „seines“ Verlages. Er veröffentlicht nicht nur häufig in Zeitungen, sondern sorgt auch für die geistige Orientierung vieler Redakteure. Und welcher andere Denker käme als philosophischer Consultant unserer rot-grünen Regierung in Frage? Noch wichtiger aber: Jürgen Habermas ist unser Theorieexportschlager. Seinen weltweiten Markenerfolg verdanken wir nicht nur den unermüdlichen Goethe-Instituten, sondern vor allem der von George Steiner zu Recht so genannten Suhrkamp Culture. Suhrkamp ist ja seit Jahr und Tag der einzige deutsche Verlag, der von ausländischen Intellektuellen überhaupt wahrgenommen wird; er hat das Monopol des Geistes im Ausland.

Sehen wir uns nun einmal genauer an, welche Botschaft Habermas über diese zahlreichen Kanäle in die Welt sendet. Vom nachholenden Antifaschismus als spezifisch deutschem Pensum war schon die Rede. Die Kritik an Aufklärung und Französischer Revolution gelten als die deutsche Ursünde, die durch ein Tabu gegnüber Aufklärungskritikern gesühnt werden soll. Die Urszene von Habermasens Denken lässt sich also ziemlich genau datieren: Er verkauft Träume von 1800. Mit dem Schwung der linken Junghegelianer sollen wir uns aufmachen zur Verbesserung Mitteleuropas durch die heilende Kraft von Verständigungsdiskursen.

Adorno hat einmal von Walter Benjamin gesagt, dessen Denken beziehe seine Kraft von einem Glutkern der Theologie. Es mag zunächst verblüffen, wenn man das auch von Jürgen Habermas behauptet. Aber haben wir es bei ihm nicht mit einem Gottesdienst der Kritik zu tun, wenn es heißt, das Absolute sei zum kritischen Verfahren „verflüssigt“?

Wer lesen kann, findet zahlreiche Hinweise auf eine versteckte Theologie: Der wahrheitsstiftende Konsens beerbt die jüdische Bundesidee; die vereinigende Macht der Vernunft soll die vereinigende Macht der Religion ersetzen; kommunikative Rationalität entfaltet sich aus einer „Versprachlichung des Sakralen“; und das Projekt der Moderne treibt den kritischen Stachel kontrafaktischer Rationalitätsunterstellungen ins träge Fleisch der Gesellschaft.

Es ist diese Theologie und nicht etwa der deskriptive Gehalt der Theorie des kommunikativen Handelns, was sie zur Bibel der Linksintellektuellen gemacht hat.

Wohlfühlklima für Linksintellektuelle

Die Romantik der Produktivkraft Kommunikation in sozialen Bewegungen und die Moralisierung der Öffentlichkeit – diese „heißen“ Angebote versteckt Habermas geschickt hinter einer spröd akademischen Sprache. Umso lehrreicher ist die Betrachtung der kleinen Blüten sozialistischer Poesie und Brüderlichkeitsromantik. Da ist etwa von „Funken einer beinah verglühten Vernunft“ die Rede; und „mit den letzten Tropfen einer beinahe ausgebluteten Solidarität“ werde die Brüderlichkeitsethik in der Alltagskommunikation gerettet. Das ist die Aura, die alle Schriften von Habermas atmen: hoch abstrahierte Solidarität, ein Wohlfühlklima für Linksintellektuelle.

Hegel hat uns aufgefordert, die Wirklichkeit als vernünftig zu erkennen. Das ist heute möglich, wenn wir Rot-Grün als Wirklichkeit der Habermas’schen Vernunft betrachten. Der gemeinsame Nenner lautet dann: Rettung des Sozialismus in Kommunikation.

Das gilt von den Kommissionen unseres Bundeskanzlers bis zu den Talkshows unserer TV-Heroinen. Im Nationalen Ethikrat nicht anders als bei Sabine Christiansen, im Moralisieren der Volkspädagogen des Feuilletons nicht anders als im Protestieren der sozialen Bewegungsindustrie sprudeln die lebensweltlichen Quellen der Gesellschaftskritik – und der kritische Soziologe betätigt sich in seinen Reden und Aufsätzen als Hebamme lebensweltlicher Krisenerfahrungen.

Habermas operiert hier mit einer sehr einfachen Antithese. Wir sind zwar alle Opfer des Systems, in dem die Steuerungsmedien Geld und Macht herrschen; doch zum Glück leben wir auch noch in einer Gegenwelt, der „Lebenswelt“, in der Solidarität gedeiht und Öffentlichkeit sich entfalten kann. Diese Lebenswelt funktioniert in der Theorie des kommunikativen Handelns wie eine Art Abwehrzauber gegen das Systemische und Technische der modernen Gesellschaft. Und das strömt jene Humanitätsaura aus, die einen so spröden Autor zum Publikumsliebling gemacht hat.

Rot-Grün ist die Praxis zur Theorie von Habermas. Das gilt nicht nur für die Verwandlung von Politik in Diskussion und die Lösung von Problemen durch Kommissionsbildung. Es zeigt sich gerade auch in der Dramatik der Weltpolitik.

Haben uns der deutsche Kanzler und sein Außenminister in ihrem unablässigen Appell Give peace a chance! nicht an jene mythische Figur erinnert, die eben so vergebens wie unverdrossen den schweren Stein aus dem Abgrund hinaufwälzt? Das muss eine anstrengende, aber auch zutiefst befriedigende Tätigkeit sein – politisch wie philosophisch. Das unvollendete Projekt der Moderne ist die Arbeit des Sisyphos, der immer wieder den Stein, den Kontrafaktischen, dem Gipfel der Komplexität entgegenrollt. Man muss sich Jürgen Habermas als einen glücklichen Menschen vorstellen.

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