Die religiöse Wärmestube

Der Philosoph Jürgen Habermas weicht das Projekt der Moderne theologisch auf – Debatte
Von Norbert Bolz
5. Februar 2004, 00:00 Uhr

http://www.welt.de/print-welt/article291079/Die_religioese_Waermestube.html

Wer Jürgen Habermas als kritischen Aufklärer und Projektleiter der Moderne schätzt, wird vielleicht überrascht gewesen sein, wie groß seine Übereinstimmung mit Kardinal Ratzinger ist. Signalisiert das sympathetische Gespräch, zu dem sich die beiden jüngst in München trafen, eine religiöse Kehre des Kritischen Theoretikers? Wer Habermas gründlich studiert, wird rasch eines Besseren belehrt: Der letzte große Vertreter der Frankfurter Schule hat sich nicht gewandelt, sondern nur die Karten auf den Tisch gelegt.

Was an der Kritischen Theorie für die Linksintellektuellen attraktiv war, hatte immer schon Züge einer geheimen Theologie. Walter Benjamin hat dieses Geheimnis schon in den dreißiger Jahren in einem schönen Bild verraten: Die Theologie ist in der Moderne ein hässlicher Zwerg, der sich verstecken muss – und das beste Versteck ist der Marxismus. Theodor W. Adorno hat dieses Versteckspiel dann auf den Begriff einer “inversen Theologie” gebracht. Das heißt im Klartext: Alles, was die Jugendlichen und Intellektuellen unter Titeln wie Neomarxismus, Frankfurter Schule und Kritische Theorie faszinierte, war eine geschickt als Gesellschaftskritik und Ästhetik verkleidete Theologie. Die Frankfurter Schule lehrte, an den Gott zu glauben, den es nicht gibt. Das ist der “theologische Glutkern” der Kritischen Theorie. Er wärmt das Oberseminar, in dem die schönsten Blumen politischer Weltfremdheit gedeihen.

Bei Adorno war diese Theologie noch negativistisch und gnostisch: die Welt als “Verblendungszusammenhang”, der nur durchschaut werden kann, wenn “das Licht der Erlösung” auf sie fällt. Von diesem Negativismus hat sich Habermas verabschiedet – nicht aber von der theologischen Fundierung der Kritischen Theorie. An die Stelle der gnostischen Weltablehnung tritt nun eine moderne Variante der alttestamentarischen Bundestheologie: die Religion des Konsenses.

Das wird spätestens 1981 in Habermas’ Hauptwerk “Theorie des kommunikativen Handelns” deutlich; das Stichwort lautet “Versprachlichung des Sakralen”. Schon dort ist ausdrücklich davon die Rede, dass der Konsens die “Autorität des Heiligen” ersetzen solle. An die Stelle der Gebote Gottes tritt die Geltung der Moral. Kommunikation muss so organisiert werden, dass sie die Bindungskraft des Rituals gewinnt. Kommunikatives Handeln übernimmt die Funktion der Religion.

Doch wozu brauchen wir Religion? Antwort: Weil sie die Schatzkammer des Sinns ist. Habermas geht davon aus, dass unsere Gesellschaft zwar von Macht und Geld gesteuert wird, diese Medien aber unfähig sind, die Gesellschaft sozial zu integrieren. Das “soziale Band” kann nur von der Religion geknüpft werden. Da diese aber in der Moderne zum hässlichen Zwerg geschrumpft ist, kann man nicht unmittelbar auf die religiöse Tradition zugreifen, sondern muss sie säkularisieren. Wie Adorno stellt sich auch Habermas die Säkularisierung von Religion als deren Rettung vor – als Übersetzung in eine modernere Sprache. So wie die Religion selbst die Arbeit am Mythos vollbracht hat, so soll die Philosophie die Arbeit an der Religion leisten und ihren Sinn retten.

In der Forderung, religiöse Gehalte zu säkularisieren, ist der Projektleiter der Moderne unmodern. Für die moderne Gesellschaft ist es nämlich charakteristisch, dass sie die Religion nicht säkularisiert, sondern ausdifferenziert. Mit anderen Worten: Die Religion darf bleiben, wie sie ist, muss sich aber damit begnügen, ein System unter anderen zu sein. Damit können sich Fundamentalisten so wenig abfinden wie Säkularisierer.

Säkularisierung als Rettung der theologischen Sinngehalte – das ist der dritte Weg zwischen Religion und Aufklärung, den Max Weber versperren wollte. Für Weber hieß Moderne, in einer aufgeklärten, das heißt entzauberten Welt zu leben, in der Lebenssinn und letzte Werte zur Privatsache geworden sind. Weber schrieb: “Wer dies Schicksal der Zeit nicht männlich ertragen kann, dem muss man sagen: Er kehre lieber, schweigend, ohne die übliche öffentliche Renegatenreklame, sondern schlicht und einfach, in die weit und erbarmend geöffneten Arme der alten Kirche zurück.” Eine derart schlichte Rückkehr ist für Habermas natürlich keine Option. Wie es dem Theoretiker des kommunikativen Handelns entspricht, lässt er sich nicht schweigend umarmen, sondern findet auch für die Konversion eine säkularisierte Form: die Kooperation zwischen Philosophie und Theologie im Gespräch über Glauben und Wissen. In seiner Friedenspreisrede von 2001 sagte Habermas: “Die Grenze zwischen säkularen und religiösen Gründen ist ohnehin fließend. Deshalb sollte die Festlegung der umstrittenen Grenze als eine kooperative Aufgabe verstanden werden, die von beiden Seiten fordert, auch die Perspektive der jeweils anderen Seite einzunehmen.” In diesem Geiste haben sich Habermas und Ratzinger an einen Tisch gesetzt. Und der Konsens ließ nicht lange auf sich warten. Auch der Weg der kommunikativen Vernunft führt nach Rom. Es bleibt Habermas’ großes Verdienst, die Kritische Theorie aus der Sackgasse des Negativismus herausgeführt zu haben. Vielleicht wäre es jetzt an der Zeit, das immer noch unvollendete Projekt der Moderne voranzubringen, indem man es von seinem religiös verzauberten Projektleiter emanzipiert.

Norbert Bolz ist Professor für Medienwissenschaft an der Technischen Universität Berlin

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