Ralf Dahrendorf, der liberale Weltbürger

Nachruf | 19.06.2009

http://www.dw-world.de/dw/article/0,,4400547,00.html

Der deutsch-britische Soziologe und Politiker Lord Ralf Dahrendorf ist nach schwerer Krankheit 80-jährig in Köln gestorben. Er galt als Vordenker der Liberalen in ganz Europa und als unabhängiger Geist.

Lord Ralf Dahrendorf

Nach dem Tod des deutsch-britischen Soziologen Lord Ralf Dahrendorf haben zahlreiche Politiker und Wissenschaftler im In- und Ausland sein umfangreiches und einflussreiches Wirken als unabhängiger und weitsichtiger Geist in Europa gewürdigt:

“Mit seiner Freude an der Debatte, mit seiner Fairness im Streitgespräch und mit seinem klaren Blick für die Chancen und Gefahren der Freiheit hat er Generationen politisch denken gelehrt und unser Gemeinwesen vorangebracht”, schrieb Bundespräsident Horst Köhler nach Angaben des Bundespräsidialamtes in einem Kondolenzbrief an Dahrendorfs Witwe.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) würdigte ihn als “großartigen Europäer”, mit dem Europa einen “der wichtigsten Vordenker und Intellektuellen” verliere. EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso nannte ihn einen “Intellektuellen von Weltruf”, der Philosoph Jürgen Habermas würdigte Dahrendorf als “politisch denkenden Gelehrten”. Der “Frankfurter Allgemeinen Zeitung” sagte Habermas, er habe Dahrendorf bei dessen Geburtstag vor wenigen Wochen in Oxford getroffen, wo er nur noch mit Mühe habe sprechen können. “Aber immer wenn es an die Substanz ging, an die Freiheit des Einzelnen, an die Freiheit des Gesellschaftsbürgers und an die des Staatsbürgers, zwang er seinen versagenden Stimmbändern doch noch eine leidenschaftliche Intervention ab”, wurde Habermas zitiert.

Doktortitel mit 19

Ralf Dahrendorf starb am Mittwochabend (17.06.2009) wenige Wochen nach seinem 80. Geburtstag in seinem letzten Wohnort Köln nach schwerer Krankheit. Der am 1. Mai 1929 in Hamburg geborene Dahrendorf profilierte sich schon früh als überragender Intellektueller. Bereits mit 19 promovierte er in seiner Heimatstadt über Karl Marx. Anschließend setzte er seine akademische Karriere an der London School of Economics and Political Science beim österreichisch-britischen Philosophen Karl Popper fort. Mit 29 habilitierte er sich an der Universität von Saarbrücken mit einer sozialpolitischen Schrift.

In den folgenden Jahren machte sich Dahrendorf an renommierten akademischen Wirkungsstätten in den USA und Deutschland einen Namen. Seit den frühen 1960er Jahren arbeitete er in der baden-württembergischen FDP mit. Im Politikbetrieb verschaffte er sich unter anderem mit dem hochschulpolitischen “Dahrendorf-Plan” Aufmerksamkeit. Legendär ist sein Streitgespräch mit dem Studentenführer Rudi Dutschke, das 1968 während eines FDP-Parteitages in Freiburg auf einem Autodach stattfand.

Ritterschlag der Queen

Im selben Jahr schaffte er auch den Sprung in den Landtag, wo er stellvertretender FDP-Fraktionsvorsitzender wurde. Ein Jahr später wurde er in den Bundestag gewählt, wo ihn der damalige Bundesaußenminister Walter Scheel als Parlamentarischen Staatssekretär in Auswärtige Amt holte. Wenig später wechselte Dahrendorf als EU-Kommissar nach Brüssel. Dort schied er 1974 aus, um künftig die London School of Economics (LSE) zu leiten. 1988 zog Dahrendorf nach England und wurde Leiter des St. Antony’s College in Oxford. In Deutschland trat er im selben Jahr aus der FDP aus.

Seit der Übersiedlung nach Großbritannien besaß er auch die britische Staatsbürgerschaft. 1993 ernannte ihn Königin Elizabeth II. zum Lord auf Lebenszeit, womit sie seinen Beitrag zu den deutsch-britischen Beziehungen würdigte. Er selbst wählte den Namen “Baron of Clare Market in the City of Westminister”. Als Mitglied des britischen Oberhauses kritisierte Lord Dahrendorf etwa die britische Beteiligung am Irak-Krieg.

Auch im Ruhestand blieb Dahrendorf in seinem öffentlichen Wirken auf beiden Seiten des Kanals einer der wichtigsten Vertreter der liberalen Staats- und Gesellschaftstheorie in Europa. Einen letzten großen Auftritt hatte er im April 2009 in Düsseldorf, wo er als Vorsitzender der NRW-Zukunftskommission seinen Bericht übergab. Dabei war er gesundheitlich schon erkennbar angeschlagen.

Dahrendorf war dreimal verheiratet. Aus der ersten Ehe mit einer Engländerin gingen drei Töchter hervor. 1980 heiratete er die Amerikanerin Ellen Joan Krug. Später wurde die Ärztin Christiane Klebs seine dritte Frau. (ina/win/dpa/ap)

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