Der Streit um den Islam

Islamkritik
Warum es schwer fällt, die Islamkritiker als legitime Erben der Aufklärung zu bezeichnen

http://www.zeit.de/2010/06/Irrtuemer-der-Aufklaerung

Gibt es Gott? Wenn es Gott gibt, so ließ sich der Islamkritiker Henryk Broder in einer Talkshow einmal sinngemäß vernehmen, dann stecke er in diesem Winzling. Sprach’s und zauberte einen Speicherstick für Computer aus dem Jackett. Ist dieses Gerät nicht ein Wunder? So viel Geist in einem kleinen göttlichen Ding!
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Broder gab dem Zuschauer Gelegenheit, seinen Einfall fortzuspinnen. Wäre es nicht besser um die Menschheit bestellt, wenn sie endlich friedfertige Götter anbeten würde, die säkularen Götter von Technik und Wissenschaft?

So originell der Vorschlag klingt, er zählt zur Standardfigur der klassischen Religionskritik, und schon radikale Aufklärer wie La Mettrie oder Paul Thiry d’Holbach beherrschten sie im Schlaf. Gläubige Menschen, schrieb d’Holbach (1723 bis 1789), geraten sofort in Streit und schneiden sich im Namen eines imaginierten Gottes die Kehle durch. Alles Unheil, dessentwegen der Mensch »seine tränengebadeten Augen zum Himmel erhebt, entstehen durch die leeren Fantome, die seine Einbildungskraft dort angesiedelt hat«. Darum müssten die religiösen »Hirngespinste« verschwinden und durch den transparenten Gauben an die Vernunft, an Fortschritt und Wissenschaft ersetzt werden.

Wer heute die aufgeheizte Debatte um einen radikalisierten Islam beobachtet, der fühlt sich unwillkürlich an den Streit erinnert, den die Aufklärer im 17. und 18. Jahrhundert untereinander um die Wahrheit der Religion ausgetragen haben. Dieser Streit war ein großes intellektuelles Drama, und die Parallelen zu den aktuell brennenden Fragen sind verblüffend. Was tun gegen Fanatiker? Welche Rechte hat die Religion, und wo beginnt das Recht, von ihr verschont zu werden? Gibt es auch einen Fundamentalismus der Vernunft?

Keineswegs waren die Aufklärer, wie zuletzt Rainer Forst in seiner Studie Toleranz im Konflikt (Suhrkamp) gezeigt hat, militante Gegner der Religion, nicht alle dachten so wie d’Holbach. Sie waren keine Säkularisten, die die »Geisteskrankheit des Fanatismus« (Voltaire) kurzerhand durch die Abschaffung der Religion heilen wollten. Intellektuelle wie Pierre Bayle, Jean-Jacques Rousseau, Voltaire und Lessing besaßen sogar ein ausgeprägtes Gespür dafür, dass auch die religionskritische Aufklärung von einem Fundamentalismus bedroht wird. Nicht von einem Fundamentalismus der Tat, der Andersgläubigen das Messer ins Herz bohrt. Sondern von einem Fundamentalismus des Geistes, der denselben Fehler macht wie die verhassten »Pfaffen«: Seine Toleranz duldet nur das, was er selbst als tolerierbar definiert hat.

Damit kein Irrtum entsteht: Die von Verfolgung bedrohten Aufklärer fürchteten den »blutdürstigen Sklaven des Aberglaubens« wie die Pest. Ihnen schauderte vor dem Fanatiker, der »davon überzeugt ist in den Himmel zu kommen, wenn er einem den Hals abschneidet«. Und trotzdem, so Voltaire (1694 bis 1778) weiter, dürfe man die »Tollwut der Intoleranz« nicht mit der »Narretei des Atheismus« austreiben. Kein Bürger dürfe gezwungen werden, über metaphysische Fragen »auf gleiche Art« zu denken wie alle anderen. Ganz ähnlich auch Rousseau: »Die geistige Welt ist voller unbegreiflicher Wahrheiten«; die Vernunft könne sie »nicht berühren, sondern nur wahrnehmen«.

Den scharfsinnigsten Blick im Streit um Glauben und Vernunft aber hatte der Philosoph Pierre Bayle (1647 bis 1706), ein früher Held der Aufklärung. Obwohl er selbst der klerikalen Gedankenpolizei zum Opfer fiel, weil er standhaft den Atheismus verteidigte, witterte er bei seinen Mitstreitern neue Denkverbote – den Hochmut einer Aufklärung, die über ihre Endlichkeit nicht aufgeklärt ist. Die reine Vernunft sei ein »ätzendes Pulver« und voller »Gebrechen«, sie werde niemals alle Fragen des Menschen beantworten können. Ja, die Religionen müssen entgiftet werden, aber die Aufklärer dürfen ihre eigene Wahrheit nicht an deren Stelle setzen. Mag auch der Glaube im Jenseits der Vernunft spekulieren, so sei er damit noch lange nicht »widervernünftig«. Aus solchen Einsichten schmiedete Lessing später sein dramatisches Experiment der Brüderlichkeit, die berühmte Ringparabel im Nathan aus dem Jahre 1779.

Die Kämpfe, die die Aufklärer um das Verhältnis von Religion und Vernunft austrugen, setzten einen Lernprozess in Gang, der dann in den Verfassungsrevolutionen seinen Niederschlag fand, in der ingeniösen Formel: Säkularer Staat, aber Freiheit der Religion. Als Erster gewährte der Artikel 16 der Bill of Rights of Virginia aus dem Jahre 1776 allen Religionen die gleiche Freiheit, und zwar nicht mit herablassendem Wohlwollen, als bloße Toleranz, sondern als politisches Grundrecht in einer Gesellschaft gleichberechtigter Bürger.

Von der Pointe dieser Rechtsidee zehren die Verfassungen noch heute. Denn das Recht, das Religionsfreiheit gewährt, ist dasselbe Recht, das die Ausübung der Religion auch begrenzt. Die Staatsbürger dürfen glauben, was sie wollen, aber sie müssen im Gegenzug die Verfassung respektieren, die ihnen diese Glaubensfreiheit einräumt. Sie dürfen weder Gewalt noch Gewissenszwang ausüben und müssen den Meinungs- und Glaubenspluralismus anerkennen. Die Verfassung, und darauf kommt es an, ist kein Glaubensartikel, der den Frommen als »Religion« gegenübertritt. Sie ist das säkulare Fundament religiöser Freiheit und besteht »mit Recht« auf der Loyalität aller Bürger.

Die westliche Freiheit ist nicht ernsthaft in Gefahr

Es ist nicht klar, ob die heutigen Islamkritiker, die tagtäglich die träge Masse feiger »Kapitulanten« vor dem islamischen Feind warnen, an der Errungenschaft der Aufklärung, an der Religionsfreiheit festhalten oder diese auf der Abraumhalde liberaler Irrtümer entsorgen wollen. Wer wie Henryk Broder Muslimen nur so viel Toleranz gewähren will, wie sie Juden und Christen in islamischen Ländern gewährt wird, der bestreitet das gleiche Recht auf Religionsausübung und nährt – tit for tat – den Geist der Revanche.

Die von Fundamentalisten verfolgte Niederländerin Hirsi Ali möchte den Islam gleich ganz aus der abrahamitischen Überlieferung herausdefinieren und behauptet, er sei keine Religion, sondern – nach Faschismus und Kommunismus – die dritte totalitäre Bewegung der Moderne. Einer totalitären Bewegung aber, und das folgt daraus, kann das Grundrecht auf Religionsfreiheit nicht gewährt, sie kann nur im Namen der Freiheit bekämpft werden. Wer nicht mitmacht, ist ein Kollaborateur – ein innerer Feind.

Bei aller begründeten Furcht vor islamistischem Terror wird indes niemand behaupten können, in Europa sei die Freiheit ernsthaft in Gefahr. Die Durchsetzung der Verfassungsnormen ist – mit einem Wort von Jürgen Habermas – eine so »unbestrittene Prämisse des Zusammenlebens, dass der hysterische Aufruf zur Verteidigung unserer ›Werte‹ als semantische Aufrüstung gegen einen unbestimmten inneren Feind erscheint. Die Bestrafung von Gewalt und die Bekämpfung von Hass verlangt ruhiges Selbstbewußtsein, aber keine Scharfmacherei.«

Der Scharfmacher wittert überall den Feind und macht zwischen Islam und Islamismus keinen Unterschied. Jedes Attentat bestätigt ihm die Niedertracht der Religion und die Großartigkeit seiner eigenen säkularen Vernunft. So findet die Spirale der Verfeindung kein Ende, und das bedeutet Krieg bis zum Jüngsten Tag. Das ist nicht Aufklärung, das ist ihr Ende.

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