Der unbequeme Philosoph

Zum 80. Geburtstag von Jürgen Habermas

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Er ist einer der einflussreichsten Intellektuellen Deutschlands: Jürgen Habermas hat mit grundlegenden Werken wie der “Theorie des kommunikativen Handelns” den geisteswissenschaftlichen Diskurs weit über den deutschsprachigen Raum hinaus bestimmt. Am 18. Juni 2009 wird der Philosoph und Soziologe 80 Jahre alt.
Jürgen Habermas eröffnet anlässlich seines 80. Geburtstages in Frankfurt am Main eine Ausstellung über sein Werk und Wirken. Es ist einer der selten gewordenen Auftritte des großen Philosophen. “So also beglückt mich die Nationalbibliothek in einem Alter, das normalerweise nur von Wiederholungen zehrt, mit einer neuen Erfahrung”, sagt Habermas. “Ich fühle mich wie ein Maler in den Räumen eines Museums, das für mich die erste Retrospektive ausrichtet.”

130 Vorlesungen und Seminare
Es ist ein ausgestellter Diskurs: Jürgen Habermas blickt nach vorne und zurück auf sein Leben als Publizist und Wissenschaftler. Bislang hat er rund 50 Bücher in mehr als 52 Sprachen veröffentlicht. Allein in Frankfurt am Main hat er 130 Vorlesungen und Seminare abgehalten und unzählige Artikel zu den Themen der Zeit publiziert. Er hat die geistige Physiognomie der Bundesrepublik in Theorie und Praxis entscheidend mitgeprägt.

“Seine Bedeutung besteht nicht nur darin, dass er als Philosoph die Diskursethik erfunden hat”, so der Soziologe und Habermas-Biograf Stefan Müller-Doohm, “und uns gezeigt hat, was kommunikative Freiheit heißt, der durch seine Interventionen die Mentalitätsgeschichte wesentlich mitgeprägt hat.”

Ausgangspunkt der Mentalitätsgeschichte war der Zivilisationsbruch des Nationalsozialismus – für Habermas ein prägendes Moment. 1953 betritt er zum ersten Mal die öffentliche Bühne und greift den Philosophen Martin Heidegger an. Heidegger hatte in den 1930er Jahren in einer Vorlesung über die “innere Größe und Wahrheit des Nationalsozialismus” gesprochen. Später veröffentlicht Heidegger die Vorlesung unkommentiert. Der junge Journalist Habermas sieht im Muff der 1950er Jahre die Demokratie gefährdet und fürchtet einen Rückfall in alte Mentalitäten – eine Angst, die ihn Zeit seines Lebens begleitet.

Habermas sucht den Ausweg aus der reinen Theorie
“Habermas spürt die Gefahr für demokratische Potentiale auf und macht die Kraft des inhaltlichen Arguments geltend”, sagt der Habermas-Schüler und Politologe Rainer Forst, “immer auch mit einer Sorge darum, dass der politische Raum für den Austausch von Argumenten erhalten bleibt.” Ein Raum, der sich für Habermas 1956 durch den Kontakt zur kritischen Theorie erstmals öffnet. Theodor W. Adorno holt ihn ans Frankfurter Institut für Sozialforschung. Doch bald schon wendet sich Habermas ab vom schwarzen Theorie-Himmel des negierenden Denkens und sucht einen Ausweg aus der reinen Theorie.

“Für Habermas war die dunkle Diagnose der Dialektik der Aufklärung, die Adorno und Horkheimer vorgenommen hatten, einerseits prägend, weil sie die Frage nach dem Schicksal der Vernunft in Gesellschaften wie der unseren, aber auch in langer historischer Spanne stellte und dann fragte, wie diese historischen Verwerfungen zu Stande kommen konnten”, so Rainer Forst. Er hat diese Fragen übernommen. Aber für ihn war klar, dass die Vernunft selbst nicht nur Gegenstand, sondern auch das Medium der Kritik sein muss.” Und das bedeutet für Habermas: Heraustreten aus der Theorie, hinein in die Arena der Öffentlichkeit: In den 1960er Jahren schärft Habermas das Bewusstsein einer ganzen Generation: Er wird zum Vordenker der 68er-Bewegung. Habermas verbindet Theorie und Praxis, setzt auf die Wahrheit der Sprache, fordert Verständigung und politische Aktivität.

Transfer zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit
Axel Honneth, Habermas-Nachfolger am Frankfurter Institut für Sozialforschung, glaubt, dass “Habermas den Zusammenhang zwischen Theorie und Praxis – ein altes Thema der Kritischen Theorie und älterer Traditionen – dadurch hat lösen wollen, dass er sein eigenes Werk gewissermaßen in zwei Teile gespalten hat: dasjenige, das er in der akademischen Einstellung des Wissenschaftlers und Philosophen verfasst, und dasjenige, das er als Staatsbürger verfasst, in diesen Foren der Öffentlichkeit, so dass es ihm dadurch erlaubt ist, einen Transfer herzustellen, zwischen dem, was er als Akademiker leistet und tut in diesen Bereich der bürgerlichen Öffentlichkeit hinein.”

Doch der linksliberale Professor macht mit seiner Kritik auch vor seinem eigenen Milieu nicht halt. Schon bald kritisiert er die Linke, wirft Dutschke Linksfaschismus vor und bezeichnet die Studentenproteste als Scheinrevolution. Habermas verfügt über ein beinahe seismografisches Gespür für die Themen der Zeit. Er wird zum opponierenden Geist in der öffentlichen Debatte und bekommt dafür Applaus: Im Historikerstreit der 1980er Jahre greift er Ernst Nolte und dessen Relativierung der NS-Verbrechen an. Noch immer graut Habermas vor einer Verharmlosung des Dritten Reiches. Immer wieder kritisiert er das selbstzerstörerische Wirken der Politik und stellt die Legitimität von Kriegen in Frage.

Er warnt vor der Übermacht der Ökonomie
Habermas wettert gegen die Gentechnik, fordert eine Demokratisierung des europäischen Prozesses und stellt Fragen nach der religiösen Begründung ethischer Normen im säkularen Staat. Die Aktualität seines Denkens zeigt sich noch heute: Stets hat er vor der Übermacht der Ökonomie gewarnt.

Filmemacher und Poet Alexander Kluge erklärt das am Beispiel der Finanzkrise: “Die Finanzkrise ist entstanden, weil die Rechenmodelle Teile der Wirklichkeit außen vor lassen. Dieses Ausschließungsprinzip, dieser Ausgrenzungsmechanismus ist sein Feindbild. Er ist für Inklusion, den Satz vom eingeschlossenen Dritten. Die Systematiker, die das Finanzderivate-System erfunden haben – und dafür einen Nobelpreis bekommen haben – sind für ‘Framing’, und das heißt ‘ausgrenzen’. Was ausgegrenzt wird, das ist immer die 13. Fee: Zwölf Teller sind nur in Gold da, und dann muss die 13. Fee draußen bleiben und versetzt mit ihrer Rache das Reich in einen 100-jährigen Schlaf. Das können sie wiederholt sehen. Dagegen vorzugehen, das ist seine Haltung.”

Habermas glaubt an die Einbeziehung des Anderen, den zwanglosen Zwang des besseren Arguments und damit die Möglichkeit herrschaftsfreier Diskurse. Er hofft auf Verständigung, weiß aber auch, dass der Mangel daran in der Welt noch immer eklatant ist. Habermas gibt keine letzten Antworten, er regt an und regt auf – im intellektuellen Diskurs aber führt kein Weg an ihm vorbei.

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