Ernst Tugendhat wird 80

Ein Solitär
Zum 80. Geburtstag des Philosophen Ernst Tugendhat

http://www.zeit.de/2010/10/Tugendhat?page=1

Man könnte sich den Lebensweg Ernst Tugendhats ohne Weiteres als Vorbild für eine Erzählung in dem Buch Die Ausgewanderten von W.G. Sebald vorstellen. Als Sohn wohlhabender Juden am 8. März 1930 in Brünn geboren, emigriert Tugendhat als Kind mit seinen Eltern 1938 zunächst in die Schweiz und 1941 nach Venezuela. Die Mutter gibt dem 15-Jährigen Sein und Zeit zu lesen, woraufhin dieser intellektuell in einem Heidegger-Zirkel unter jüdischen Emigranten aufwächst. Nach einer Studienzeit in Stanford geht Tugendhat nach Freiburg, um Philosophie und alte Sprachen zu studieren. Er nimmt dort auch an den Seminaren teil, die der rehabilitierte Heidegger zu Beginn der fünfziger Jahre hält. Erst sehr viel später macht Tugendhat die eigene »Versöhnungsgeste« zu schaffen, mit der er als junger Mann nach Deutschland ging. Trotzdem, so hat er berichtet, fühlte er sich in Deutschland lange Zeit über als ein Fremder – eine Grundstimmung, von der ihn die Turbulenzen der Studentenbewegung vorübergehend heilten, was in den achtziger Jahren auch in einem politischen Engagement in der Friedensbewegung und dem Kampf um ein liberales Asylrecht mündete. Ein Versuch, seine ihm fragwürdig gewordene frühe Lebensentscheidung rückgängig zu machen, führte ihn 1992 für sieben Jahre nach Chile. Seit 1999 lebt er in Tübingen, vor allem der Bibliotheken wegen, wie er betont hat – und doch bewegt von Plänen, wieder nach Südamerika zurückzukehren.

Wenig geradlinig waren auch die akademischen Wege, auf die es ihn verschlagen hat. Von Freiburg ging er für einige Semester nach Münster, das unter Joachim Ritters Ägide in den fünfziger Jahren ein Mekka der deutschen Philosophie darstellte, wo unter anderen Odo Marquard, Hermann Lübbe, Robert Spaemann und Friedrich Kambartel studierten. Nach einer Assistentenzeit in Tübingen lehrte er zusammen mit Hans-Georg Gadamer, Dieter Henrich und Michael Theunissen in Heidelberg. Später gehörte er der Forschungsgruppe von Jürgen Habermas am Max-Planck-Institut in Starnberg an – womit er mit einer weiteren Kraftquelle der Nachkriegsphilosophie in Berührung kam, der Frankfurter Kritischen Theorie. 1980 ließ er sich zusammen mit Michael Theunissen und Karlfried Gründer an die Freie Universität Berlin berufen. Rückblickend gesehen, ist Tugendhat beinahe überall dabei gewesen, wo sich die prägenden Konstellationen der bundesrepublikanischen Philosophie formierten. Aber er gehörte nirgends dazu. Dies lag freilich weniger an seiner Biografie als an seiner Irritierbarkeit durch Erfahrungen und Argumente, die das übliche professionelle Maß weit übersteigt.

Die kaum zu unterschätzende Wirkung seines Werks verdankt sich vor allem diesem Effekt. Immerhin ist es Tugendhat in der Konsequenz seiner Habilitationsschrift Der Wahrheitsbegriff bei Husserl und Heidegger gelungen, Heidegger zu einer seiner seltenen selbstkritischen Anwandlungen zu bewegen, auch wenn sich der Guru aus Meßkirch zu fein war, seinen Kritiker beim Namen zu nennen. Tugendhat hatte Heidegger vorgeworfen, mit der Ersetzung des Wahrheitsbegriffs durch den der »Unverborgenheit« die Bedeutung einer auf Gründe gestützten Orientierung an der Wahrheit von Aussagen vernebelt zu haben. Ein Glanzstück der Überlegungskunst Tugendhats ist auch der 1980 zu Gadamers 80. Geburtstag gehaltene Vortrag »Antike und moderne Ethik«, der eine kühne Synthese beider Traditionen entwirft. Man kann hier gleichsam zuschauen, wie sich in der Werkstatt des Philosophen jener Prozess ereignet, den Gadamer als »Horizontverschmelzung« beschrieben hat.

Tugendhats Hauptwerk besteht in einer Trilogie, deren Bände jeweils auf Vorlesungen zurückgehen, die der Verfasser in den Phasen ihrer Vorbereitung gehalten hat. Seine Vorlesungen zur Einführung in die sprachanalytische Philosophie dokumentieren die »Revolution der Denkungsart«, die Tugendhat durch die Berührung mit der analytischen Philosophie ab 1965 erlebte. Dieses Buch hat damals die analytische Philosophie einer ganzen Studentengeneration schmackhaft gemacht – und zugleich verdeutlicht, wie sehr eine Aufklärung des menschlichen Weltverhältnisses von einer strengen Reflexion auf die Strukturen der sprachlichen Verständigung über die Welt profitieren kann. Das Buch Selbstbewusstsein und Selbstbestimmung aus dem Jahr 1979 schließt an diese Grundlegung mit weitreichenden Interpretationen zu Wittgenstein, Heidegger, Mead und Hegel an. Nach einem steilen Abstieg vom erhabenen philosophischen Ich zum gewöhnlichen »ich« der alltäglichen Rede erfolgt ein steiniger Aufstieg zu den Risiken einer verantwortlichen Orientierung am individuellen und sozialen Guten.

Damit lag der Übergang zur Moralphilosophie nahe, den Tugendhat in den nachfolgenden Jahren vollzogen hat. Vor den Augen der interessierten Öffentlichkeit freilich entfaltete sich hier ein besonderes Drama. Immer neue Anläufe hat Tugendhat unternommen, um eine von den gängigen Vorurteilen und Verkürzungen freie Konzeption moralischer Rechte und Pflichten zu entwickeln. Eine »Retraktation« folgte auf die andere. Den eigenen Selbstzweifeln zum Trotz aber stellen seine Vorlesungen über Ethik aus dem Jahr 1993 einen Meilenstein innerhalb der praktischen Philosophie der vergangenen Jahrzehnte dar. Die üblichen Fronten zwischen Aristoteles, Kant, Hume und ihren Parteigängern werden aufgehoben, um eine im Kern zweistufige Moraltheorie zu entwickeln. Im Interesse des eigenen Wohlergehens und der eigenen Selbstachtung, sagt Tugendhat, habe jeder ein Motiv, sich auf soziale Rücksichten gegenüber anderen einzulassen. Diese Rücksicht auf einige andere aber öffnet das Tor für die wechselseitige Forderung nach einer Einstellung der Rücksicht auf beliebige Menschen – und damit in der Konsequenz auf alle anderen. Moral erwächst aus unserem Eigeninteresse und wächst doch weit über dieses hinaus.

Einer analogen Transzendierung hat sich Tugendhat auch in seinem 2003 erschienenen Buch Egozentrizität und Mystik gewidmet. Seine ersten Kapitel bieten eine vorzügliche Einführung in die Grundlinien von Tugendhats Denken. Im Herzen aber geht es um die Polarität zwischen der unausweichlichen Ichbezogenheit des Menschen und der ihm gleichzeitig gegebenen Fähigkeit der »Selbstrelativierung«. In einer intensiven Auslegung christlicher, vor allem aber fernöstlicher Religionen wird eine »diesseitige Mystik« freigelegt. Ihre Grunderfahrung bestehe darin, sich im Vergleich mit den anderen nicht gar so wichtig und am Ende gar nicht mehr wichtig zu nehmen. So erstaunlich nahe dies Heideggers Meditationen über die »Gelassenheit« kommt, entscheidend ist für Tugendhat wiederum eine soziale Pointe. Die mystische Kontemplation mündet bei ihm nicht in der Schau eines anonymen Seins, sondern in einer gesteigerten Aufmerksamkeit für das Dasein der anderen.

Anthropologie statt Metaphysik ist auch deshalb das bisher letzte Buch von Tugendhat überschrieben. Im Vorwort stellt er mit wenigen Strichen die Themen der dort gesammelten Vorträge vor. Am Schluss heißt es lapidar: »Damit ist wohl schon alles gesagt, was in ein Vorwort gehört.« Bei aller Nüchternheit aber darf bei Tugendhat eine Prise existenzielles Pathos nicht fehlen. Zwei Sätze fügt der Autor deshalb noch an: »Die übrigen Fäden findet der Leser selbst, und ich habe weder einer Lebensgefährtin für ihre Opferbereitschaft zu danken noch zu versichern, dass alle verbleibenden Fehler nur mir allein zuzuschreiben sind. Es sind nicht die Fehler, die einen erschrecken, sondern Blindheit, die blinden Flecken.« In einem

taz-Interview hat Tugendhat im Jahr 2007 geäußert, er habe das Gefühl, für ihn sei »die Zeit des Philosophierens vorbei«. Solange er aber solche Sätze schreibt, scheint die Hoffnung berechtigt, dass sein letztes Wort noch nicht gesprochen ist.

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